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Vokalmusik aus Estland
Heinavanker
Loomiselaul
Die Schöpfung

Estnische Vokalmusik der Renaissance
mit Werken von Johannes Ockeghem
und estnisch geistlichen Volksliedern

Künstlerische Leitung: Margo Kõlar

Ein Konzertmitschnitt vom 12. Juni 2005
aus der Klosterkirche Maulbronn
Eine Produktion von Andreas Otto Grimminger & Josef-Stefan Kindler
in Zusammenarbeit mit Jürgen Budday.
Abbildungen: Josef-Stefan Kindler

Audio-CD, 60 min., DDD, KuK 21, EUR 22,-
ISBN 978-3-930643-21-9, EAN 42 6000591 036 0
© by K&K Verlagsanstalt anno 2006

 






  

Dieses Konzert bezieht seinen besonderen Reiz aus der kontrastierenden Gegenüberstellung von artifizieller Renaissancemusik eines Johannes Ockeghem mit der originären Kraft estnischer geistlicher Volksmusik. Die estnischen geistliche Volkslieder sind im Schoss des religiösen Erwachens der Landbevölkerung entstanden. Die Texte stammen zumeist aus dem lutherischen Gesangbuch, die Melodien jedoch sind bis zur Unkenntlichkeit verändert und gelegentlich virtuos verziert. Heinavanker ist gleichsam die estnische Antwort auf Ensembles wie King's Singers oder Singer Pur. Estnische Chöre und Stimmen haben Weltgeltung. Singen ist in Estland eine Massenbewegung.

 

 

 

 

Zu allen Zeiten sind sich in der Kulturgeschichte zwei Denkweisen begegnet - die eine verteidigt felsenfest die Tradition, die andere strebt nach Neuerung. Ähnlich ist es in der Kirchenmusik. Stets wird überlegt, wie sie sein darf und wie sie sein kann. Der große Mann der estnischen Musikklassik, Rudolf Tobias schlägt in seinen Schriften folgende Synthese vor: "die innere Motivation der alten Musik zu erforschen" und weiter "unsere Aufmerksamkeit auf das innere Wesen unseres Zeitalters zu wenden", um "zum Endziel der zeitgenössischen Kirchenmusik zu gelangen - die tatsächlichen Bedürfnisse zu befriedigen".

Wie groß aber kann die Gemeinsamkeit der tatsächlichen Bedürfnisse im Kontext verschiedener Zeitalter, verschiedener geographischer und sozialer Situationen sein? In welcher Beziehung stehen die vom höfischen, kirchlichen und wissenschaftlichen Geist der Renaissance getragenen kontrapunktischen Meisterwerke, die meditative einstimmige klösterliche Musik des Mittelalters und die einzigartigen für das kleine Estenvolk typischen, an die Kraft der vormaligen religiösen Erwachenszeit erinnernden volkstümlichen Choral-Weisen? Und darüber hinaus- findet sich in der sich ständig ändernden und vielen Einflüssen unterworfenen Landschaft der zeitgenössischen Kirchenmusik jemand, dessen "tatsächliche Bedürfnisse" eine derartige Musik befriedigt?

Die estnischen geistlichen Volkslieder oder volkstümlichen Choräle sind im Schoss des religiösen Erwachens der Landbevölkerung entstanden. Die Texte stammen zumeist aus dem Lutherischen Gesangbuch, die Melodien jedoch sind bis zur Unkenntlichkeit verändert und gelegentlich virtuos verziert. Die halbimprovisierten Arrangements dieser Lieder erklingen als Leistung des Gesamtensembles.

Der Eckstein des begeisternden und nahezu nicht definierbaren Stiles des Johannes Ockeghem (um 1417- 1497) ist ein außerordentliches Gleichgewicht zwischen versteckten mathematischen Konstruktionen und mit ihrer Hilfe geschaffenen natürlichen, scheinbar spontanen, jedoch stets unvorhersehbaren Melodielinien.Ockeghem ist ein Komponist, der das musikalische Denken einer Epoche zur Vollendung bringt, als Gegengewicht werden von den nachfolgenden Generationen leichter durchschaubare Pfade bevorzugt. Die Werke Ockeghems stellen an Sänger nach dem heutigen Verständnis so unübliche Ansprüche, dass ihr Vortrag als eine echte Mutprobe zu gelten hat. "Der Altmeister selbst hat schließlich 40 Jahre mit den gleichen Sängern gearbeitet" seufzen die Sachkenner und legen die Partitur zurück in die Schublade.

Zum Schluss des Konzertes erklingt eines der ältesten und eigenständigen Beispiele unserer Kultur, ein vorchristliches "Regi"lied, die Schöpfung. Es handelt von einem Vogel, der in "unserer Koppel" einen Nistplatz findet, Eier legt, und Junge ausbrütet, eines der Jungen wird die Sonne, das zweite der Mond, das dritte zum Himmelsstern, das vierte zum Regenbogen. Das Alter der "Regi"lied - Tradition dürfte mehrere tausend Jahre betragen. In der Schaukelweise aus Kadrina erkennt man klar die Hauptkennzeichen eines Regiliedes, der Anfangsreim, als Versmaß der achtfüßige Trochäus, der Wechsel zwischen Vorsänger und Chor, und beider Zusammenklang durch den eigentümlichen "leegajus": vor dem Beginn des nächsten Verses singen Vorsänger und Chor die letzten Silben des vorigen Verses gemeinsam.

Margo Kõlar,
künstlerischer Leiter

 

 

 

 

 

 

 

Das Ensemble Heinavanker begann im Jahr 1988 in Tallinn – im Studio Linnamuusikud, gemeinsam zu musizieren. Den Namen (zu deutsch Heuwagen) hat die Gruppe sich nach dem berühmten Flügelaltar des Künstlers ihres Lieblingszeitalters Hieronymus Bosch (1453-1516) gegeben. Die allegorischen Szenen dieses Altars wirken gerade heute verblüffend aktuell. Auf diesem seltsamen Gemälde ist eine riesige Heufuhre dargestellt, die über das von Habgier zerfressene Land ins Verderben rollt. In der Bildmitte aber entsteht die Musik, die sowohl der betende Engel als auch der heimliche Dämon in Besitz nehmen wollen. Im Zentrum des Interesses stand die historische musikalische Liturgie sowie die Suche nach dem eigenen Weg ins Licht des geistigen Erbes. Die meisten Konzertprogramme stützen sich auf die Gregorianischen Gesänge, auf die frühe Polyphonie und auf geistliche estnische Volkslieder. Auf dem Programm stehen auch zeitgenössische Werke aus Estland. Das Ensemble Heinavanker hat seit 1988 viele Konzertreisen unternommen, u.a. nach Finnland (1989-95), Frankreich, Deutschland (ab 1990 jährlich), Polen (1992, 93, 95-97), Sardinien (1992) Skandinavien, Europ. Kirchenmusik Schwäb.Gmünd, Konzertreihe Alte Musik Sengwarden, Sommerkonzerte in Friedrichshafen, Nürnberg, Schönberger Musiksommer. Teilnahme am Wettbewerb "Guido d'Arezzo (Italien) – 1.Preis unter den Vokalensembles (1991). Teilnahme an verschiedenen Festivals in Moskau (Festival Früher Musik – 1988, 1990), Ärhus Festival (Denmark) - 1999, Musiksommer 2000 Mecklenburg-Vorpommern, EXPO 2000 in Hannover, 2001 - 2003 Teilnahme an Festivals in Skandinavien (Europäisches Mittelalterfestival in Horsens u. Vendsyssel Festival, Denmark, Falsterbonäset Kirchenmusik Festival u. Lysekil Kirchenmusik Festival in Schweden, Haapavesi Folk in Finland u.v.m.

Eve Kopli – Sopran
Katri Hunt – Alt
Anto Önnis – Tenor
Taniel Kirikal – Bariton
Bambola Krigu – Bass
Margo Kõlar – Tenor und künstlerische Leitung

 

 

 

 

 

 

 

 

Loomiselaul
Die Schöpfung

Werke von
Johannes Ockeghem (ca. 1417-1497)
und estnisch geistliche Volkslieder



1. Matänan Sind

estnisches geistliches Volkslied
aus Pärnu-Jaagupi

2. Salve Regina
Johannes Ockeghem

3. Ave Maria
Johannes Ockeghem

4. Mu süda Ärka Üles
estnisches geistliches Volkslied aus Hiiumaa

5. Credo Sine Nomine
Johannes Ockeghem

6. Rahva Önnistegija
estnisches geistliches Volkslied aus Suur-Pakri

7. Sanctus Cuiusvis Toni
Johannes Ockeghem

8. Oh Jeesus, Sinu Valu
estnisches geistliches Volkslied aus Vormsi

9. Agnus Dei Cuiusvis Toni
Johannes Ockeghem

10. Kas Sureb Nij Mu Koige Armsam Elu
estnisches geistliches Volkslied aus Vormsi

11. Loomiselaul (Die Schöpfung)
estnisches vorchristliches Lied
Schaukelweise aus Kadrina

12. Veni Creator Spiritus
gregorianischer Choral
(Arrangement: Kadri Hunt)

13. Oh Jumal Looja Püha Vaim
"Kommt, Heiliger Geist"
estnisches geistliches Volkslied
(Arrangement: Kadri Hunt)

14. Mu Mano Tulge Latse
"Kommt zu mir, ihr Kinder"
estnisches geistliches Volkslied
(Arrangement: Margo Kõlar)

 

 

 
 

 

 

 

 

Texte
in der Übersetzung

Die kompletten Texte in estnischer Sprache
mit deutscher Übersetzung als Datei (pdf)


1. Matänan Sind
estnisches geistliches Volkslied
aus Pärnu-Jaagupi

Ich dank Dir, o Gott, dass Du mich durch Deine Gnad
in dieser Nacht bewahret hast, dass der Tag mich gesund gefunden hat.

Wenn in der Nacht Finsternis und Verzweiflung meine Seele bedeckten,
wenn meine Schuld mich kränkten, Du hast mir geholfen.

Ich bitte Dich von Herzen, vergebe mir meine großen Schulden,
welche ich jetzt und vorher Dir gemacht habe.

Behüt mich auch an diesem Tag, lass mich Deine Hilfe sehen,
dass auch kein Teufel mir Schaden antut.

2. Salve Regina
Johannes Ockeghem

Sei gegrüßt, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit
unser Leben, unsre Wonne und unsre Hoffnung, sei gegrüßt!

Zu dir rufen wir verbannte Kinder Evas; zu dir seufzen wir trauernd
und weinend in diesem Tal der Tränen.

Wohlan denn, unsre Führsprecherin, wende deine barmherzigen Augen uns zu,
und nach diesem Elend zeige uns Jesus, die gebenedeite Frucht deines Leibes.

O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria.

3. Ave Maria
Johannes Ockeghem

Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!
Gepriesen bist du unter den Frauen,
und gepriesen ist die Frucht deines Leibes!

Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?
Der heilige Geist wird über dich kommen,
und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten.

Sei gegrüßt ....

4. Mu süda Ärka Üles
estnisches geistliches Volkslied aus Hiiumaa


5. Credo Sine Nomine
Johannes Ockeghem


6. Rahva Önnistegija
estnisches geistliches Volkslied aus Suur-Pakri

Der Heiden Heiland, Töter der Schlangen, Samen der Frau,
der Jungfrau Sohn, alle lobsingen Dir.

Durch ein Wunder bist Du zur Welt gekommen,
durch die Macht des Heiligen Geistes,
nicht nach dem Willen des Menschen.

Vom ewigen Throne herab bist Du aus Gnade getreten,
hast den Siegespfad beschritten.

Dein Lauf kam vom Vater her, und kehrt wieder zum Vater,
fuhr hinunter zu der Höll und wieder zu Gottes Stuhl.

Der Du dem Vater gleichst und ebenso auch uns,
zu Fleisch gewordner Sieger: besiege das Fleisch in uns.

Dein Krippen glänzt hell und klar, die Nacht gibt ein neu Licht dar.
Dunkel muss nicht kommen drein, der Glaub bleib immer im Schein.

Lob sei Gott dem Vater gtan; Lob sei Gott seim eingen Sohn,
Lob sei Gott dem Heilgen Geist immer und in Ewigkeit.


7. Sanctus Cuiusvis Toni
Johannes Ockeghem

Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herre Zebaoth:
voll sind Himmel und Erde deiner Herrlichkeit.
Hosianna in der Höhe.

Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herren,
Hosianna in der Höhe.

8. Oh Jeesus, Sinu Valu
estnisches geistliches Volkslied aus Vormsi

O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn;
o Haupt, zum Spott gebunden mit einer Dornenkron.
O Haupt, sonst schön gezieret mit höchster Ehr und Zier,
jetzt aber hoch schimpfieret: gegrüßet seist du mir!

Du edles Angesichte, davor sonst schrickt und scheut
das große Weltgewichte: wie bist du so bespeit, wie bist du so erbleichet!
Wer hat dein Augenlicht, dem sonst kein Licht nicht gleichet,
so schändlich zugericht'?

Ich will hier bei dir stehen, verachte mich doch nicht.
Von dir will ich nicht gehen, wenn dir dein Herze bricht;
wenn dein Haupt wird erblassen im letzten Todesstoß,
als dann will ich dich fassen in meinen Arm und Schoß.

9. Agnus Dei Cuiusvis Toni
Johannes Ockeghem

Lamm Gottes,
Du nimmst hinweg die Sünden der Welt:
erbarme Dich unser.

Lamm Gottes,
Du nimmst hinweg die Sünden der Welt:
erbarme Dich unser.

Lamm Gottes,
Du nimmst hinweg die Sünden der Welt:
gib uns den Frieden.


10. Kas Sureb Nij Mu Koige Armsam Elu

estnisches geistliches Volkslied aus Vormsi

Ach stirb denn so mein allerliebster Leben?
Ja stirb, mein Pracht, wird seine Seele geben!
O Herzeleid, o Traurigkeit! Er stirbt! Wer wird mein Schmerze stillen?

Sieh, Morgenstern hat sich plötzlich verborgen und stirbt der Hirsch,
von Pein ermüdet, beklagt doch alle! O wär ich doch bei ihm gewesen!

Nun ist der tot, wer hat die Höll' verscheucht, auf den der Himmel fröhlich schaute,
der bringt das Leben, alles neu erschafft, er war durch Tod besiegt und in ein Grab gelegt.

So wie du hier für mich geboren bist, so lagst für mich auch in der kalten Gruft;
Grab kann dich nicht halten, du wirst aus Finsternis zum Licht aufstehen.


11. Loomiselaul (Die Schöpfung)
estnisches vorchristliches Lied
Schaukelweise aus Kadrina

 

 

 

 

 

 

 

 


Zur Edition


Kultur in ihrer authentischen Form zu publizieren heisst für uns: herausragende Aufführungen und Konzerte für die Nachwelt festzuhalten und zu vermitteln. Denn Künstler, Publikum, Werk und Raum treten in einen intimen Dialog, der in Form und Ausdruck - in seiner Atmosphäre - einmalig und unwiederbringlich ist. Diese Symbiose, die Spannung der Aufführung, dem Hörer in all ihren Facetten möglichst intensiv erlebbar zu machen, sehen wir als Ziel, als Philosophie unseres Hauses. Das Ergebnis sind einzigartige Interpretationen von musikalischen und literarischen Werken, schlicht - audiophile Momentaufnahmen von bleibendem Wert.

Die Konzerte im Kloster Maulbronn, die wir in dieser Edition dokumentieren, bieten in vielfacher Hinsicht die idealen Voraussetzungen für unser Bestreben. Es ist wohl vor allem die Atmosphäre in den von romantischem Kerzenlicht erhellten Gewölben, der Zauber des Klosters in seiner unverfälschten sakralen Ausstrahlung und Ruhe, die in ihrer Wirkung auf Künstler und Publikum diese Konzerte prägen. Renommierte Solisten und Ensembles der grossen internationalen Bühnen sind gerne und vor allem immer wieder hier zu Gast - geniessen es in der akustisch und architektonisch vollendeten Schönheit des Weltkulturerbes (Klosterkirche, Laienrefektorium, Kreuzgang, etc.) in exquisiten Aufführungen weltliche und sakrale Werke darzubieten.

Unter der Schirmherrschaft des evangelischen Seminars werden seit 1968 die Klosterkonzerte Maulbronn in ehrenamtlicher Leitung und mit grossem musikalischem Enthusiasmus ausgerichtet. In den ehrenwerten Mauern des altsprachlichen Gymnasiums mit Internat, welches seit nunmehr 450 Jahren besteht, haben grosse Denker, Dichter und Humanisten unserer Gesellschaft wie Kepler, Hölderlin, Herwegh und Hesse ihre erste Prägung erfahren. Der jugendliche Elan, das konstruktive Mitwirken der Schüler, die sich in der Tradition ihrer grossen Vorgänger sehen, bewirkt ein menschliches Klima, in dem die künstlerische Motivation in besonderer Weise erblüht. Zwischen Mai und September finden 25 Konzerte statt zu deren Gelingen letztendlich viele ehrenamtliche Helfer aus nah und fern beitragen, dann folgt die Winterpause.

Blühende Kultur in einem lebendigen Denkmal, dem Publikum vor Ort und nicht zuletzt auch Ihnen zur Freude, sind somit jene Werte welche wir in dieser Reihe dokumentieren.

Andreas Otto Grimminger & Josef-Stefan Kindler